Die Tragödie um Joao Carvalho

by Remo ~ April 12th, 2016

Die Tragödie um Joao Carvalho

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Liebe MMA-Fans.

Dies wird kein „normaler“ Blog-Artikel. Es wird keine Bilder geben und keine eingebetteten Youtube-Videos, keine Werbung für mein Buch oder sonst irgendwas. Wahrscheinlich hat mich bisher noch keiner meiner Beiträge emotional derart bewegt, wie der folgende. Und ganz sicher war keiner meiner bisherigen Artikel persönlicher…

Vorab folgendes; nach tagtäglich 10-stündigen Schichten, 4 Kindern und einer Ehefrau, die nach einem harten Arbeitstag ihre wohlverdiente Aufmerksamkeit einfordern, komm ich leider in letzter Zeit nur selten dazu, einen brauchbaren Artikel auf die Beine zu stellen. Was also könnte mich heute dazu veranlasst haben, mich vor meinen Laptop zu setzen und abzutippen, was ihr gerade lest?

Soll ich jetzt noch über Hunt vs Mir schreiben? Oder aus aktuellem Anlass über JDS vs Ben Rothwell? Oder wie wärs mit der UFC 200 Card? Lauter Sachen, die Klicks und Traffic versprechen.Was mich allerdings heute dazu bringt, diese Zeilen zu schreiben, ist ein ganz anderer Grund. Der tragische Tod des MMA-Kämpfers Joao Carvalho und seine möglichen Folgen für den Sport.

Viele von euch haben es bereits mitbekommen. Der Portugiese Joao Carvalho hat in einem MMA-Kampf Verletzungen erlitten, denen er etwa 2 Tage nach dem Kampf erlag. Die meisten Nachrichten, die diesen Fall betreffen, strotzen nur so vor Klick-Geilheit und lechzen nach öffentlicher Wahrnehmung. Anders ist es nicht zu erklären, dass Carvalhos Gegner an diesem Abend auf sämtlichen Portalen auf den ungewöhnlichen Namen „McGregors teammate“ hört.

Ja, mit Conor McGregor ist höchster Traffic auf den Websites garantiert. Wen interessiert es da schon, dass „McGregors teammate“`s eigentlicher Name Charlie Ward lautet? In den Suchmaschinen macht sich der Name McGregor freilich besser und verspricht ohne Frage mehr Klicks. So wird auf perfideste Weise ein tragischer Unfall zum eigenen Vorteil genutzt.

Was mich viel wütender macht, ist die Tatsache, dass jeder MMA-Kritiker sofort mit der typischen „ich habs euch doch immer gesagt“- Masche um die Ecke kommt und den Tod eines Sportlers dazu missbraucht, die Sportart zu diskreditieren, die Joao Carvalho voller Leidenschaft und Überzeugung ausübte. Die Diskussion über die Gefährlichkeit des MMA ist so alt wie der Sport selbst und leider werden die Vorurteile und Unwahrheiten nach dem Fall Carvalho neue Höhen erreichen.

Ist MMA also unverhältnismäßig gefährlich? Diese Frage lässt, in Relation zu anderen Sportarten, nur eine Antwort zu. Nein! Wie kommt es also, dass MMA so gerne als barbarisch, martialisch und hochgradig gefährlich hingestellt wird? Nun, gerne werden als Referenz Szenen herbeigezogen, in denen jemand auf einen am Boden liegenden Gegner einschlägt. Wie sehr würde es die Sichtweise derer beeinflussen, die den Sport gerne in die gewaltverherrlichende Ecke stellen möchten, wenn sie wüssten, dass es im BJJ nicht wenige Aufgabegriffe gibt, bei denen die Rückenlage sogar die vorteilhaftere ist?

Was würden diese Leute sagen, wenn sie all die Submissions aus der „guard“ heraus sehen würden, die auf genau solche Szenen folgten? Wie würden diese Leute den Sport sehen, wenn man ihnen vor Augen halten würde, dass beim Boxen seit 1990 mehr als 140 Menschen ums Leben kamen, während man die Todesfälle im MMA in sanktionierten Kämpfen in einem vergleichbaren Zeitraum an einer Hand abzählen kann? Selbst im Reiten gab es bisher wesentlich mehr Tote zu beklagen als beim MMA. Wie passt das zusammen mit dem Bild des überdurchschnittlich gefährlichen Kampfsports? Genau; gar nicht!

Insbesondere der Vergleich mit dem Boxsport lässt doch jeden logisch denkenden Menschen erahnen, woher der Wind weht und wie es dazu kommt, dass es soviel mehr Todesfälle im Boxen zu beklagen gibt, als bei den Mixed Martial Arts. Zunächst mal konzentriert sich der mit Abstand größte Teil der Angriffe beim Boxen auf den Kopf, wohingegen eben diese Angriffe aufgrund der vielseitigen Möglichkeiten beim MMA nur einen vergleichsweise geringen Teil ausmachen und eine nicht unerhebliche Anzahl der MMA-Kämpfe durch Aufgabegriffe endet. Erschwerend kommt die Tatsache hinzu, dass ein bereits niedergeschlagener Boxer, der möglicherweise bereits eine Gehirnerschütterung erlitten hat, den Angriffen auf den Kopf wieder und wieder ausgesetzt wird, sofern er es schafft, wieder auf die Beine zu kommen, bevor der Ringrichter bis 10 gezählt hat. In einer vergleichbaren Situation wird ein MMA-Kampf für gewöhnlich abgebrochen, um den augenscheinlich schwer angeschlagenen Kämpfer vor weiterem Schaden zu bewahren.

Leider sehen „Kritiker“ aber nur, was sie sehen wollen und so wird, entgegen jedweder Logik und aller Fakten, MMA als Sport infrage gestellt, während wesentlich gefährlichere Sportarten nicht in Zweifel gezogen werden. Der Fall Carvalho wird nun bedauerlicher Weise Wasser auf die Mühlen derer sein, die den Sport in Verruf bringen WOLLEN. Die Tragödie um einen tödlich verunglückten MMA-Kämpfer nun auszuschlachten, um unqualifizierte Vorurteile zu schüren und Stimmung zu machen, ist nicht nur hanebüchener Unsinn; es ist vor allem pervers, moralisch höchst fragwürdig und ein Affront gegen Joao Carvalho, der „seinen“ Sport mit Leidenschaft und Hingabe ausgeübt hat. Eine solche Vorgehensweise ärgert mich über alle Maßen und meine ganze Anteilnahme gebührt Joao Carvalhos hinterbliebenen. Fernab jeglicher Klickraten oder dergleichen.

Rest in Peace Joao Carvalho!

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